Werden Kindermedien ihrer Verantwortung gerecht? Das Podiumsgespräch

Medien prägen die Wahrnehmung der Kinder. Wie gehen die Medienmacher mit dieser Verantwortung um? Wie können sie Kinder informieren ohne sie zu beeinflussen? Wie umgehen sie Klischees? Und wie wird das ganze finanziert? Um diese Fragen ging es bei der Podiumsdiskussion am zweiten Tag.

Es diskutierten: Prof. Dr. Roland Rosenstock von der Universität Greifswald, Katja Reszel von Seitenstark, einer Gemeinschaftsseite von Kinderseiten, Sigrun Kaiser, Vorstandsvorsitzende des Kindermedienverlags Blue Ocean Entertainment, Birgit Guth, Leiterin der Medienforschung bei Super RTL, und Roland Lehmann, stellvertretender Programmchef von Radio Teddy. Moderiert wurde die Runde von Anna Hoff (bpb).

von links: Roland Rosenstock, Roland Lehmann, Birgit Guth, Anna Hoff, Sigrun Kaiser und Katja Reszel Foto: Gerd Metzner

von links: Roland Rosenstock, Roland Lehmann, Birgit Guth, Anna Hoff, Sigrun Kaiser und Katja Reszel Foto: Gerd Metzner

Tod und Leid seien auch für Kinder wichtige Themen, hatte Roland Rosenstock in seinem Vortrag gesagt. Bei Radio Teddy aber habe man bisher nur fünfmal über den Tod von Prominenten berichtet: über Jesus, Elvis Presley, Michael Jackson, den Papst und Eisbär Knut. Warum? Das wollte Anna Hoff vom stellvertretenden Programmchef wissen.

„Wir machen viele Nachforschungen und reden mit den Eltern“, sagt Lehmann. Deren häufigster Wunsch: Medien sollten Kinder nicht in die Angst entlassen, sondern stärken. Besonders am Morgen, vor dem Weg in die Schule. „Da bleibt einfach keine Zeit, Themen wie den Tod adäquat zu vermitteln.“

Ist Weglassen also die Lösung?

Bei Super RTL setze man nicht auf Nachrichten, sagt Birgit Guth, sondern vor allem auf Spaß. „Wir machen Wissensvermittlung, sehen aber nicht den Auftrag, auch das aktuelle Weltgeschehen zu vermitteln – dazu hätten wir auch gar nicht die Ressourcen.“ Wichtig sei ihr bei der Programmgestaltung, immer die Position der Eltern mitzudenken.

Auch bei Ocean Entertainment stehe der Spaß im Vordergrund, sagt Sigrun Kaiser. Das Edukative gehöre natürlich auch dazu, aber eher in Form von Edutainment. „Die Kinder lernen schon genug in der Schule. In ihrer Freizeit wollen sie auch mal entspannen.“

Katja Reszel von Seitenstark ist die Projektleiterin des Chats der Seite. Wie wird das Angebot angenommen?

„Kinder schätzen den Chat, weil sie sich austauschen und auch mal Experte sein können“, sagt Reszel. Zudem biete er die Möglichkeit, das Kommunizieren im Netz zu erlernen – und das ohne andere zu beleidigen oder zu polarisieren.

Bedienen Kindermedien bestehende Klischees oder versuchen die Macher auch, diesen etwas entgegenzusetzen?

Jeder Beitrag in ihrem Sender werde vor der Ausstrahlung intensiv diskutiert, sagt Birgit Guth von Super RTL. Ist sich die Redaktion bei bestimmten Sendungen nicht sicher, werden sie bei der FSK eingereicht. Zudem bemühe man sich sehr darum, die Balance zwischen Angeboten für Mädchen und Jungs zu halten.

Bei Radio Teddy gibt es auch klassische Nachrichten. Wird dort über Klischees diskutiert?

„Wir sind viele Eltern in der Redaktion“, sagt Lehmann. Man bemühe sich stets, deren Erfahrungen einzubringen und „die Realität nicht aus den Augen zu verlieren.“ Zudem stütze man sich auf die Ergebnisse einer Meinungsumfrage, derzufolge ein Großteil der befragten Familien in der „klassischen“ Konstellation von Mann, Frau und Kind lebten – das solle sich im Programm widerspiegeln.

Wie teuer darf verantwortungsvoller Journalismus sein?

„Gar nicht teuer genug“, sagt Katja Reszel von Seitenstark. Ihr Chat beispielsweise benötige viel pädagogisches Personal; jeder Beitrag müsse von Pädagogen gelesen und geprüft werden. Das sei eben kostenintensiv. Die Finanzierung sollte dabei von Markenbindungen getrennt werden. Auch Rosenstock bemängelte, dass es keine grundlegenden Finanzierungsmodelle für Kindermedien gebe.

Wie kann man Nachrichten einordnen ohne die Kinder zu beeinflussen?

Letztlich orientiere sich seine Redaktion an den journalistischen Standards, sagt Lehmann von Radio Teddy. Bei der Meldung zur Wahl Donald Trumps etwa beschränkte sich der Sender auf die reine Nachricht – ohne kommentierende Untertöne, wie es sie beispielsweise in anderen Medien gegeben habe.

Wie steht es eigentlich um Diversität bei den Medien selbst?

„Wir haben eine Flut von weiblichen Bewerbern“, sagt Birgit Guth von Super RTL. „Uns fehlen die Männer.“ Inzwischen versuche man, diese gezielter anzusprechen. Auch bei Blue Ocean kenne man das Problem, sagt Sigrun Kaiser.

Haben Medien einen erzieherischen Auftrag?

Ja, sagt Reszel von Seitenstark. „Unser Portal hat beispielsweise den Auftrag, Kinder an die Medien heranzuführen und ihnen zu zeigen, wie sie damit umgehen können.“ Auch Rosenstock hält nichts von dem Argument, Journalisten würden „nur“ informieren und die öffentliche Meinung nicht mitgestalten. „Journalisten sind Weltdeuter und haben einen gesellschaftlichen Auftrag“, sagt er. Sie müssten sich dieser Verantwortung mehr bewusst werden.